Alle Jahre wieder fragt Wikipedia seine Nutzer auf der ganzen Welt nach Spendengeldern. “Wenn alle, die das jetzt lesen, einen kleinen Beitrag leisten, wäre unser Spendenziel bereits am heutigen Dienstag erreicht”, heißt es dort in einem perfekt angepassten Text. Doch hinter der (werbe-)freien Plattform steckt eine riesige Organisation. Seit einigen Jahren stellen sich daher immer mehr Menschen die Frage: Braucht Wikipedia wirklich so viel Geld, wie sie behaupten? Und braucht Wikipedia wirklich mein Geld?

Millionen Euro alleine in Deutschland

Wer von Wikipedia spricht, der spricht dabei vor allem von der Wikimedia Foundation, eine weltweit agierende Non-Profit Organisation, die hinter Wikipedia steckt. Als Non-Profit Organisation ist sie verpflichtet, keine wirtschaftlichen Gewinne zu erzielen.

Trotzdem nimmt alleine der deutsche Ableger von Wikimedia, Wikimedia Deutschland, alljährlich Millionen von Euro ein, ein großer Teil davon über besagte Spendenaktion. Der Plan für 2019 sieht erneut Einnahmen von rund 20 Millionen Euro vor, von denen nicht alle direkt wieder investiert werden. Laut FAZ betrug das Vermögen der Wikimedia Foundation bereits 2016 an die 100 Mio. Euro – es dürfte seitdem eher mehr als weniger geworden sein.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (52), hier im Juli 2018 bei einer Diskussionsrunde am Strelka Institut für Medien, Architektur und Design in Moskau. Bild: Imago.



Sicherheiten und Möglichkeiten

Im Internetforum Quora erklärte Gründer Jimmy Wales höchstpersönlich, warum die Wikimedia Foundation auf so einem riesen Berg Geld sitzt. “Non-Profit Organisationen wird allgemein empfohlen, über finanzielle Reserven für sechs Monate bis zu zwei Jahren zu verfügen. Unsere Reserven machen daher absolut Sinn. Es wäre unklug, weniger zu haben.” Und die Wikimedia Foundation ist zweifelsfrei eine mehr als überdurchschnittlich große Organisation Angesichts jährlicher Ausgaben von laut FAZ um die 60 Millionen Euro halte er daher es für schlicht “umsichtig und weise”, ein Vermögen in solchen Größenordnungen in der Hinterhand zu haben.

Und die laufenden Ausgaben?

Nun ist das Besondere an Wikipedia, dass kein Angestellter der Foundation dafür bezahlt wird, die Wikipedia-Seiten mit Inhalt zu füllen. Jedes Wort wird freiwillig und unbezahlt von Nutzern selbst geschrieben und bestmöglich auf den Wahrheitsgehalt geprüft. Nur: Wofür gibt die Foundation dann überhaupt Geld aus?

Die Liste ist lang. Neben relativ hohen Verwaltungs- und IT-Kosten, die das gesamte Projekt überhaupt erst ermöglichen, ist die Wikimedia Foundation weiters auf verschiedenste Weisen aktiv. In die Rekrutierung und Erhaltung von aktiven Nutzern wird viel investiert, das Verfassen von Wikipedia-Artikeln wird teils ebenfalls aufwändig gefördert und unterstützt.



Drohnen und Conventions

Bei ausreichend guter Begründung und lohnenswerten Artikeln werden Autoren die Kosten für Flugticket, Übernachtung, Essen, und auch mal einer Drohne zum Fotos machen übernommen. Zudem vergibt die Foundation Wikimedia-Stipendien für Doktoranden, es wird Lobbyarbeit zur weiteren Förderung von freiem Wissen geleistet, und weitere interne Projekte durchgeführt, viele davon in freiwilliger Zusammenarbeit mit Nutzern. Zudem findet einmal im Jahr die WikiCon statt, bei der sich Nutzer mit Verantwortlichen treffen und persönlich austauschen können, um Wikipedia und -media voranzutreiben.

Politischer Gast: Stefan Brangs (SPD) bei der WikiCon 2017 in Leipzig. Bild: Imago

Wikimedia 2030

Doch um in Gänze zu verstehen, warum die Wikimedia Foundation Abermillionen an Geldern von seinen Nutzern erbittet, muss man auch verstehen, wo sich auch Wikimedia Deutschland in den kommenden Jahren sieht. In ihrem Geschäftsbericht 2017 wird dazu grob der strategischer Prozess Wikimedia 2030 erklärt. Dieser macht klar: Wikimedia hat große Pläne, und Wikipedia ist nur ein Anfang. Wikimedia versteht sich demnach mehr als Symbol und Vorreiter einer Bewegung denn als alleinstehende Organisation.

Sie verfolgt das grundlegende Ziel, so viel Wissen wie möglich kostenfrei allen Menschen, auch bisher benachteiligten, zugänglich zu machen. Zudem sollen in Zukunft weitere Strukturen geschaffen werden, die das Zusammentragen von freiem Wissen ermöglichen. “Wir werden soziale, politische und technische Hürden abbauen, damit alle Menschen Freies Wissen nutzen und schaffen können”, ist auf der Wikimedia-Seite zu lesen. Hohe und edle Ziele, die viel Arbeit bedürfen. Und damit Geld.



Freies Wissen – Freie Spenden

Die wirkliche Frage ist also nicht, ob Wikipedia so viel Geld braucht, sondern eher, was jeder von uns in Wikipedia sieht, und ob wir Wikimedia vertrauen. Wer in Wikipedia nur Wikipedia sieht, die Informationsseite für jedes Thema, wird vom Spenden Abstand nehmen, und muss dafür auch kein schlechtes Gewissen haben. Wer in Wikipedia und vor allem der Wikimedia Foundation aber mehr sieht als den Betreiber von Wikipedia, und zwar einen globalen Botschafter für freies Wissen für jeden, könnte und sollte dem Spendenaufruf folgen – mit einem ebenso guten Gewissen.