Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui schrieb kürzlich mit einem Experiment Geschichte – und brach gleichzeitig eines der größten Tabus in der Wissenschaft: Er manipulierte die Gene von Embryonen und ließ auf diese Weise Babys zur Welt bringen. Jetzt ist die Menschheit einen Schritt weiter, um möglicherweise Menschen mit bestimmten Talenten und Fähigkeiten zu “züchten”. Seine Kollegen sehen diese Vorgehensweise sehr kritisch.

Die ersten genmanipulierten Menschen

Bei dem chinesischen Forschungsexperiment von He Jiankui nahmen insgesamt sieben Paare teil, von denen jeweils der Mann mit HIV infiziert ist. Der Wissenschaftler bearbeitete die Embryonen genetisch so, dass sie gegenüber HIV-Infektionen resistent waren.

Anstatt die Embryonen nach kurzer Zeit zu zerstören, wie es nach ethischen Richtlinien korrekt wäre, pflanzte He Jiankui sie den Frauen ein. Sein Experiment verlief erfolgreich: Eines der sieben Paare erhielt weibliche Zwillinge, von denen ein Mädchen HIV-resistent ist. Damit sind die ersten sogenannten CRISPR-Babys auf der Welt.  CRISPR sind Abschnitte sich wiederholender DNA, die im Erbgut vieler Bakterien und sogennanten Archaeen (Urbakterien) auftreten.

Hongkong, 28. November 2018: He Jiankui stellt das erste menschliche Genexperiment vor, aus denen zwei genmanipulierte Menschen entstanden.
Quelle: Imago



CRISPR/Cas9 verändert den Genpool der Menschheit

Den Paaren wurden laut WELT Eizellen und Samen entnommen. Letztere wurden so bearbeitet das sie kein HIV übertragen konnten. Nach der Verschmelzung beider Komponenten schnitten die Forscher ein bestimmtes Protein (CCR5) heraus, das unter anderem für den Eintritt von Aids-Viren verantwortlich ist. Ohne das Protein ist eine Erkrankung an Aids zwar nicht mehr möglich, allerdings wären andere Viruserkrankungen gefährlicher.

Derzeit sind die langfristigen Folgen dieser Methode nicht bekannt. Da es sich um einen „Keimbahneingriff“ handelt, ein Eingriff, der die Nachkommen betrifft, können unbekannte Mutationen stattfinden, von denen der gesamte menschliche Genpool betroffen ist.

Mit der Genschere CRISPR/Cas9 wird ein Genom aus der DNA geschnitten, um es auszuschalten.
Symbolbild: Imago

Chinesische Wissenschaftler protestieren

Weil der Keimbahneingriff in China keine rechtlich festgelegten Folgen hat, schreiben 122 chinesische Wissenschaftler einen Protestbrief, indem sie He Jiankuis Arbeit schwer kritisieren. Sie bezeichnen die Versuche am Menschen als verrückt und die Risiken und potenziellen Schäden für die Menschheit in der Zukunft als unermesslich.

„Es war riskant, ungerechtfertigt und hat dem Ruf und der Entwicklung der biomedizinischen Gesellschaft in China geschadet“, so die Wissenschaftler.

Außerdem wirft das Organisationskomitee des Internationalen Gipfels für Menschliche Genbearbeitung dem Wissenschaftler ein unsauberes Verfahren vor. Das medizinische Indiz wäre unzureichend gewesen, da es möglich war, die HIV-Infektion abzuwenden.

Die Nachkommen der genmanipulierten Mädchen werden ebenfalls von der Manipulation betroffen sein – und damit der gesamte menschliche Genpool.
Symolbild: Imago



„Ein geschichtlicher Wendepunkt“

He Jiankui wurde 1984 in der Provinz Hunan von Landwirten geboren und war schon als Kind sehr intelligent. Laut seinem Vater war er schon seit der Grundschule überall der Beste. Der ehrgeizige Wissenschaftler verbringt sogar seinen Urlaub am liebsten im Labor .
William Hurlbut, Bio-Ehtiker der amerikanischen Universität in Stanford, kennt den übereifrigen Wissenschaftler und berichtet „The Guardian“:

„Dass es sein langfristiges Ziel [genmanipulierte Menschen zu erschaffen] war, war mir bekannt. Ich hätte nur nicht gedacht, dass er so unüberlegt vorpreschen würde. Ich machte mir Sorgen, dass sein Enthusiasmus für seine Arbeit so hoch war, dass er schneller voranschreiten würde, als er sollte … Jetzt ist die Tür offen und wird nie wieder geschlossen. Es ist ein geschichtlicher Wendepunkt.“